____________ Andreas Christoph Bacher ____________

Beitrag entnommen aus
»Collection deutscher Erzähler«
Ausgabe 2009
R.G.Fischer Verlag
Mitten in der Stadt, bei Tagesanbruch, als die Sonne die Finsternis der Nacht zum Rückzug zwingt, ist auf dem grossen Platz in der Stadt emsiges Treiben und ein Stimmengewirr zu vernehmen, das meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Ich biege um die Ecke. Ein rauer Wind wirbelt mir Staubpartikel in die Augen.
Ich hatte einen forschen Gang auf dem Weg hierher eingelegt und war eigentlich recht unbekümmert bis in diesen Teil der Stadt gelangt, als ein Brennen der Augen mir jede visuelle Fähigkeit zu nehmen schien. Meine Schritte wurden unkontrollierter und leicht stolpernd. Ich bahnte mir meinen Weg durch die plötzliche Finsternis und blieb schliesslich vor einem hell erleuchteten Platz, dessen Konturen ich nur schimmernd wahrnahm, stehen.
Der Kinderzirkus Robinson war in die Stadt gekommen. Die Zeitungen vom Vortag hatten ausführlich über das bevorstehende Ereignis berichtet und so war es nicht verwunderlich, dass so mancher kleiner Zirkusnarr schon sehr früh auf den Beinen war, um dem grossen Erlebnis beizuwohnen. Es war also ausgerechnet in Zürich, in dieser Stadt der Banken und Finanzen, wo ein Fest für Kinderseelen ein bisschen Leben und Wärme in die Nüchternheit der Geschäftswelt verströmen sollte.
Meine Augen begannen sich wieder allmählich an das Tageslicht zu gewöhnen. Ich hatte wohl mindestens fünf Minuten praktisch unbeweglich, in völliger Dunkelheit vor diesem Platz gestanden, als plötzlich etwas Lebendiges an meiner Hose zu zerren und zu fuchteln anfing. Ich bückte mich und öffnete meine Augenlider und erblickte einen Knirps, der mit treuherzigen Augen und stummem Mund mich dazu bringen wollte, mit ihm einige Schritte mitzukommen. Immer noch leicht benommen von dem unangenehmen Schmerz folgte ich ihm eher widerwillig. Es musste ihm sehr daran gelegen sein, mich mit etwas – ja was war es wohl – für mich jedenfalls völlig Neuem bekannt zu machen. Und so schleppte er mich halt mit seiner ganzen Kraft und mit unverminderter Beharrlichkeit auf die Mitte dieses Platzes, wo ich links und rechts neben mir eine unvorstellbar grosse Anzahl von Brettern, Stangen und Gerüsten wahrzunehmen begann.
Es war frühmorgens, gegen halb acht Uhr, und ich war auf dem Weg zur Arbeit, als ich direkt und rein zufällig auf dieses bunte Kunterbunt, das ich erst jetzt, aus der Nähe betrachtet, als das wiedererkannte, was mir schon als Kind, im Laufe der Zeit, als etwas sehr Vertrautes in Erinnerung bleiben sollte. Moritz, der kleine, spitzbübische, stumme Junge öffnete plötzlich seinen Mund und sprach: »Hier spiele ich Zirkus, und das sind meine Freunde.«
Als ich mich um die eigene Achse drehte, sah ich plötzlich eine Ansammlung von Kindern und Jugendlichen, die dem Moritz zuwinkten und im Flüsterton sich unterhaltend daranmachten – Schritt für Schritt, das war mir nun klar –, eine grosse Zirkusbühne auf die Beine zu stellen. »Moritz, komm«, riefen nun plötzlich drei oder vier fast gleichzeitig zu ihm hinüber, »und bring den Herrn doch zu uns. Vielleicht hat er Lust, uns hier zu helfen.« Bevor mein junger Freund erneut dazu kam, mein Hosenbein zu packen, wich ich rasch einen Schritt zur Seite. Gemeinsam schritten wir auf die Menge zu. Einige Zeit später verliess ich aber dann winkend den Ort, um zur Arbeit zu fahren.
Als ich gegen zwei Uhr nachmittags zum Platz zurückgekehrt war – ich hatte mir den ganzen Nachmittag eine berufliche ›Auszeit‹ gegönnt –, war der Ort mit lärmenden Kindern und interessiert und gespannt dreinschauenden Erwachsenen übersät. Vorne auf der Bühne waren junge Menschen zu erkennen, in roten und sonnengelb leuchtenden ›Shirts‹ und gleichfarbigen Turnschuhen. Eine sanfte Brise zog sich verstohlen über die Menge. Sonst war es sommerlich warm. Es schien alles bereit zu sein. Die nicht alltägliche Show konnte beginnen.
Als ich am Morgen mit Moritz in die jugendliche Menge getaucht war, fühlte ich mich doch recht unbeholfen und etwas verlegen, doch eine kindliche Neugier hatte mich gepackt; und als ich mich von so vielen jungen Menschen umringt sah, empfing mich ein lautes und freundliches ›Hallo‹. Und schon recht bald war ich einer von ihnen und wurde in allen Details über das bevorstehende Spektakel ›aufgeklärt‹.
Der Zirkus beginnt unter tosendem Beifall, mit Akrobatik auf dem Boden und Salti auf dem Trampolin. Bald sind es Tiere im Sprung durch den Feuerreif und dann wieder Kinder am Seil in schwindelnder Höhe. Selbst Moritz ist da, auf Rollschuhen mit Schwester Yvonne. Gruppen und Einzelne, gross und klein, ein buntes Fest am Fusse der Limmat, unter nun sengender Hitze. Tier und Kind im Zusammenspiel und ein Publikum in scheuer Annäherung an die kleinen Stars auf dem weiten Parkett. Grosse Kinderaugen am Rande leuchten in den Zauber des grossen Spektakels. Und am Schluss ist es Moritz, der dem Ganzen die Krone aufsetzt. Er steht ganz oben, rund zehn Meter über dem Boden, und stürzt sich in die Tiefe mit dreimaligem Salto. Ich schaue vor Schreck weg. Als ich mich wieder umdrehe, steht er stolz lächelnd auf dem Boden, mit einem dünnen Seil am Rücken, wie immer stumm, aber glücklich und sicher gelandet.
Bald wird es wieder ruhig in der geschäftigen Stadt. Auch dieser Platz gehört nun erneut ganz dem Bürger wie dem reichen Gnomen, dem Verwahrlosten und dem Herumtreiber. Eine Stadt legt sich von den Anstrengungen des Tages schlafen. Gute Nacht, kleiner Zirkus. Komm bald wieder. Auch dieser Ort braucht ab und zu ein bisschen unverdorbenes Stück Leben.
Heimflug mit einem Star
Der Wagen holperte über den Asphalt, in prasselndem Regen. Der Himmel verfinsterte sich zusehends und der Wörthersee zeigte sich von seiner schlechtesten Seite, in fahlem, schattenhaftem Licht. Eine gespenstische Atmosphäre legte sich über das Kärntnerland und seine Landeshauptstadt Klagenfurt, als ich mich in rasendem Tempo dem Flughafen näherte.
Als ich ankam und die Abflughalle betrat, ertönte eine sanfte, freundliche Stimme aus der Lautsprecheranlage des Flughafens: »Sehr geehrte Damen und Herren, die Flugpassagiere des Kurses LX 485 nach Zürich wollen sich bitte in Abflughalle 3 begeben.« Eine plötzliche und schmerzhafte Wehmut stieg in mir auf. Es war mein letzter Ferientag und Zeit zum Abschiednehmen von Kärnten und seinem landschaftlichen Charme, mit Wörthersee und Maria Wörth, seinen temperamentvollen und südländisch angehauchten Bewohnern und auch von meinen Sportkameraden, mit denen ich zwei unvergessliche Tenniswochen verbracht hatte.
Gedankenversunken sass ich da, in Abflughalle 3, in meinem Stuhl. Ich hatte es mir bequem gemacht, obwohl meine Nervosität mir eher dazu riet, mir noch ein wenig die Beine zu vertreten.
Gegenüber von mir hatten sich noch rund zehn andere Fluggäste in ihren Sesseln niedergelassen, die mit mir die Heimreise antreten sollten. Gerade neben mich setzte sich ein junges Paar, welches in ein leises, aber angeregtes Gespräch vertieft war. Während ich eher oberflächlich ihrer Unterhaltung folgte und dabei gleichzeitig auch beobachten konnte, wie die meisten der anderen Flugpassagiere in irgendeiner Zeitschrift oder Zeitung lasen, rollte die Maschine von Zürich her kommend aufs Flugfeld, gut sichtbar von meinem Platz aus. Es war wirklich ein ›putziges Maschinchen‹, das ich da sah; so klein, aber dafür umso ›ohoo …‹. Kaum war das Motorengeräusch verklungen, stiegen auch bereits die ersten Passagiere aus.
In diesem Augenblick betrat mit hastigen Schritten ein Mann die Abflughalle und setzte sich direkt neben das junge Paar. Dieses schien noch immer mit sich selbst so beschäftigt zu sein, dass es den Ankömmling kaum bemerkte. Dann ging alles sehr schnell und auch ein wenig Hektik kam auf, denn die Flugpassagiere, die eben ausgestiegen waren, betraten nun die Abflughalle, vorbei auch an dem Mann mit gutem Aussehen, der sich eben gesetzt hatte. Niemand schien ihn anzuschauen oder auch nur wahrzunehmen.
Der kleine und doch eher unbedeutende Flughafen Klagenfurt war urplötzlich mit Leben erfüllt, denn Angehörige strömten nun herbei, um die Ankommenden herzlich zu begrüssen.
Ja, ich hatte den Mann sofort erkannt und war auch nicht zu sehr überrascht, dass ich ihn unter Umständen hier antreffen könnte. Er war ein Profi durch und durch, der plötzlich in die Stille eines Provinzflughafens trat. Ich wusste, dass er in Zürich lebte, in Klagenfurt studiert und hier auch viele Freunde hatte. Und trotzdem war es ein aussergewöhnlicher Moment für mich. Ein paar Plätze neben mir sass er also. Udo Jürgens, ein Star aus Fleisch und Blut, aufgetaucht aus dem Nichts, die Verkörperung von hoher Musikalität und Poesie, kreativer Schöpfer von Hunderten von Melodien, die um die Welt gingen. Ein Star, mit vielen Preisen ausgezeichnet, ein Star besonderer Prägung. Ich hatte ihn schon viele, viele Male im Fernsehen, ja selbst im Kino gesehen. Und immer wieder blieb etwas von dieser besonderen Ausstrahlungskraft in mir haften. Es war wohl die Kombination von Selbstbewusstsein und unbeirrbarer kreativer Energie. Und dieser Udo Jürgens war nun plötzlich da, im gleichen Land, ja sogar im gleichen österreichischen Bundesland, in der gleichen Stadt; ja sogar im gleichen Flughafen, obwohl, wie jeder weiss, dies der einzige dieser Landeshauptstadt ist.
Er war da, in der gleichen Abflughalle, und bereit zum selben Flug nach Zürich. Einfach unheimlich; einfach verrückt. Ja, es war was Verrücktes, genauso wie das, was nun geschah. Das Pärchen neben mir begann kurz zu tuscheln, erhob sich von dem Sitz und näherte sich dem inzwischen beim grossen Abflughallenfenster stehenden Star, um ihn um ein Autogramm zu bitten. Locker, lässig und ruhig erfüllte er ihren Wunsch, kaum beachtet von den Passagieren.
Auch ich hatte nun den letzten Brocken innerlicher Scheu überwunden, erhob mich ebenfalls, näherte mich ihm ruhig und gelassen und bat ihn um ein Autogramm, das er mir zu meiner Erleichterung auch gewährte. Ich setzte mich wieder hin, stolz über meinen Mut und über das, was noch folgen sollte. Ein Heimflug mit einem Musikstar.
Neuanfang ins Ungewisse
Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.
Der Mann trug einen langen, etwas schäbigen Secondhand-Wintermantel. Er selbst war unrasiert und sein kastanienbraunes Haar zerzaust. Seine dunklen Augen hatten einen Ausdruck von Müdigkeit und Melancholie, der aber auch von ei- nem Schimmer erwartungsfroher Hoffnung durchtränkt war.
In der Halle war es mittlerweile dunkel geworden. Der Mann drehte sich um und schritt in behäbigem Gang dem Ausgang zu. Die Stationsuhr zeigte Mitternacht an und von ferne vernahm er sogar das Läuten einer Kirchenglocke. Kurt Bertram war in der Stadt seiner Kindheit angekommen, in der Stadt seiner jungen Jahre und in der Stadt seiner glücklichen Jugend. Mit zwanzig hatte er sie verlassen müssen, weil es keine Arbeit gab und er sein Glück in der Ferne suchen musste. Arbeit hatte er gefunden, doch sein Glück bei weitem nicht. Das Schicksal war ihm nicht gnädig gewesen. Während eines Streits hatte er einen Kollegen totgeschlagen und war deshalb bald im Gefängnis gelandet. Zwanzig Jahre waren es geworden. Eine unendlich lange und düstere Zeit. Er war nun Mitte vierzig und daran, erste Schritte in ein neues, besseres Leben zu tun.
Sein Vater war während seiner Haft gestorben. Von seiner Mutter hatte er die letzten zwei Jahre nichts mehr gehört. Und auf die Spur seiner Mutter wollte er sich nun heften, koste es, was es wolle. Doch das Geld, das er zur Verfügung hatte, würde wohl kaum mehr als für einen Monat reichen.
Es war tiefe Nacht geworden und die Stadt lag im Schlaf. Weit weg hörte er die Sirenen eines Polizeiwagens, die bald wieder verstummten. Auch er war sehr müde geworden. Auf einer Parkbank liess er sich dann nieder.
Als er am Morgen erwachte, hatte sich eine lärmende Kinderschar um ihn versammelt. Mit einer wütenden Handbewegung machte er ihnen deutlich, dass sie verschwinden sollten. Nur allmählich und ihn mit Spott überhäufend entfernten sie sich mit lautem Gekreische in alle Himmelsrichtungen. Endlich war er wieder allein. Langsam erhob er sich von seiner harten und ungemütlichen Schlafstätte und er war sich klar, dass heute etwas Entscheidendes passieren musste. Heute wollte er die Zukunft fest in seine Hand nehmen. Und so schlenderte er weiter durch die Stadt.
Die Wohnung seiner Eltern gab es nicht mehr. Die Gegend, wo er aufgewachsen war, hatte sich dramatisch verändert, wie so vieles andere auch. Das Haus mit der elterlichen Wohnung war vor fünf Jahren abgerissen worden, hatte ihm die Stadtverwaltung mitgeteilt. Und auf dem Grundstück hatte man einen Kindergarten eingerichtet. Tränen kullerten ihm die Wangen hinunter, als er den Ort sah, wo nur noch wenig an die Zeit seiner Jugend erinnerte. Müde von dem tagelangen Marsch durch die Strassen der Stadt setzte er sich auf einen grossen Stein, der mitten auf dem Kinderspielplatz stand. Er fühlte sich sehr einsam und im Stich gelassen, denn die Gefängnisleitung und alle, die ihn kannten, hatten es nicht für nötig befunden, ihm beim Schritt in sein neues Leben nach seiner langen Haftzeit behilflich zu sein. Niemand schien es zu interessieren, dass er so rasch als möglich eine regelmässige Arbeit und eine Wohnung brauchte. Niemand hatte ihm dabei Hilfe angeboten.
Völlig abwesend hing er immer noch seinen Gedanken nach, als er plötzlich eine Hand an seiner Schulter spürte. Er zuckte herum. Vor ihm stand ein freundlich lächelnder Mann.
»Entschuldigen Sie, ich beobachte Sie schon seit längerer Zeit von weitem. Sie kommen mir bekannt vor. Dürfte ich Sie um Ihren Namen bitten?«
Kurt Bertram schaute ihn verdutzt an und murmelte etwas in sich hinein. Er schien verärgert zu sein, dass ihn jemand so unverfroren zu stören begann. Doch der Fremde liess nicht locker und begann erneut: »Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber mir scheint es, dass wir uns schon mal begegnet sind.«
Ein paar Stunden später sassen die beiden Männer in einem kleinen Restaurant und waren in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Dabei sprach Kurt Bertram, der aus dem Gefängnis gekommen war, zu seinem Gesprächspartner: »Also weißt du, ich kann es einfach nicht verstehen, dass du mich gleich wiedererkannt hast. Über zwanzig Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen, liebster Cousin, und plötzlich bist du aus dem Nichts wieder aufgetaucht. Und ich rechne es dir hoch an, dass du sogar bereit bist, mir bei der Arbeitssuche behilflich zu sein.«
Als sich die beiden am späten Nachmittag voneinander verabschiedeten, sah die Zukunft für den ehemaligen Häftling wieder bedeutend heller aus. Er wusste, dass er nun die besten Voraussetzungen gefunden hatte, einen zwar noch ungewissen, aber vielversprechenden Neuanfang zu starten.
Das Bett
Ich sitze auf meinem Stuhl, einem Stuhl aus dem Norden, an einem Tisch aus dem Norden, hellem Holz, fein geschliffen. Mein Bett stammt ebenfalls aus dem Norden. Nordisch schlafen ist in. In dieser komplizierten Welt wird alles wieder so einfach und natürlich, wenn man nordisch schläft. Es wirkt so befreiend. Man wird wieder richtig Mensch. Nordisch schlafen gibt einem den Sinn für das Wesentliche zurück. Das Bett ist ein kompaktes Ding. Kein Gerüst und keine Matratze und Leintücher mit Wolldecken und Bettdecke. Alles wird zu einem Ganzen ›rationalisiert‹. Also Bettgerüst und Matratze als ›ein Stück‹, dünne Bettauflage und dann eine grosse Bettdecke.
Warum schreibe ich aber dies alles? Vielleicht weil das Einfache heute niemanden mehr interessiert? Weil ich die Ursprünge des Lebens suche? Weil ich zurück zur Natur will? Ja und nein. Doch lesen Sie nun einfach weiter. Die Geschichte beginnt sogleich.
Es ist dunkle Nacht. Mein Bett steht im Wald. Ich bin allein. Seit langer Zeit habe ich keine Menschenseele mehr getroffen. Ich ernähre mich von Pflanzen und Gemüse, selten von Fleisch. Ich habe nur ein Bett und schlafe nordisch. Ein Relikt des technischen Zeitalters. Alles andere ist verschwunden. Die Maschinen, die Computer, die Autos, Stress und Hetze, Konsumrausch und Profitoptimierung. Was übrig blieb: ich und mein Bett im Wald.
Morgens steh ich auf und abends gehe ich zu Bett. Es ist kalt und windig, doch mein Bett gibt mir Wärme und Geborgenheit. Es ist mein Zuhause. Der Wald rauscht. Eigentlich gäbe es hier nichts mehr weiter zu erzählen. Alles hat seine Ordnung. Alles ist eben so, wie es ist. Alles ist an seinen Ursprung zurückgekehrt. So wie es immer hätte sein sollen. Das einfache Leben hat überlebt. Alles, was diesem Leben widersprach, wurde in seine Schranken gewiesen und hat sich dann wie von selbst in nichts aufgelöst. Die Ordnung wurde wiederhergestellt. Das Leben hat seinen Platz zurückerobert, hat seinen regelmässigen Ablauf wiedergefunden, so, als hätte es nie was anderes gegeben. Hier gibt es keine Fragen nach dem Wie und Warum.
Wenn ich heute aufstehe, dann schrillt der Wecker. Das Radio berieselt mich mit leichter Musik. Wenn ich zur Arbeit fahre, morgens um sieben, rauschen Autos an mir vorbei. Der Bus, den ich besteige, verschmutzt die Luft mit Abgasen, wie alle Autos, die ich zu Gesicht bekomme. Der Kiosk, den ich vor meinem Einstieg in den Zug besuche, ist randvoll gefüllt mit Zeitungen, Zeitschriften, Schokolade, Semmeln und Fleischerwaren. Die Zeitung, die ich im Zug lese, wird aus Bäumen des Waldes produziert. Vielleicht verstehen Sie jetzt, dass ich wieder zurückkehren will auf mein Bett, mein nordisches Bett im Wald.
Bei einem Fussballspiel
Ja, das ist schon toll. Diese Hektik, diese Spannung; einfach super. Und diese Stimmung im Stadion. Dieses Mitgerissenwerden, diese Wogen der Begeisterung, die überschwappt und sich auf die Spieler im Stadion überträgt. Ich liebe dieses Spektakel; diesen Kampf um Sieg oder Niederlage. Doch wieso können die Menschen dabei nicht friedlich bleiben? Warum muss es immer zu diesen Ausschreitungen kommen? Was hat das denn noch mit Sport zu tun?
Das Vergnügen, das man als Zuschauer beim Fussballsport empfindet, wird gedämpft. Die stetige Präsenz der Polizei lässt mir nur ein Kopfschütteln übrig und insgeheim auch eine Abscheu gegenüber der Respektlosigkeit der Fans untereinander. Ich kann es nicht verstehen, wieso der Sportplatz immer wieder zum Tummelfeld von Aggression und Gewalt wird.
Fussball ist doch im weitesten Sinn auch Kunst. Diese Faszination, wenn Balljongleure sich durch die gegnerischen Reihen schlängeln und wenn nach einem akrobatischen Schuss dann plötzlich Torgeschrei ertönt. Eben Kunst, hohe Kunst. Und nach dem Spiel prügeln sich dann junge Menschen, weil ihre Mannschaft verloren hat oder auch aus anderen unverständlichen Motiven heraus.
Es sind einfach die falschen Leute, die ins Stadion gehen; Menschen, die von Kunst nichts verstehen. Unkultivierte Typen, die nicht wissen, wo sie sich befinden. Vielleicht sollte man diese sogenannten Fans einfach einmal in ein Museum ›umpflanzen‹, wo sie lernen, sich für ein paar Stunden ruhig zu verhalten. Und wenn sie dann wieder losgelassen werden, wie viele von ihnen würden dann noch zurück ins Stadion gehen? Wahrscheinlich wenige, weil ihnen Kunst eben nichts bedeutet.

