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kugelschreiber

____________Rudolf K. Scholz____________


»Wenn wir unerwartet mit Relikten aus einer
längst vergangenen Zeit konfrontiert werden,
scheint es uns, als reiche Geschichte
plötzlich bis in die Gegenwart hinein.«

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Beitrag entnommen aus
»Erlebt, erzählt und aufgeschrieben«
Ausgabe 2008
R.G.Fischer Verlag

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Im Jahre 2004 stieß man bei Ausgrabungen im Erfurter Stadtteil Brühl auf eine große Anzahl menschlicher Skelette. Nach Erkenntnissen von Archäologen und Historikern handelt es sich um die sterblichen Überreste von Soldaten der Armee Napoleons. Die Toten – siebzehn bis fünfundzwanzig Jahre alt – waren offensichtlich im Keller eines später zerstörten Hauses abgelegt und dort zurückgelassen worden. Da man an ihren Skeletten keinerlei Verletzungen feststellen konnte, gilt es als ziemlich sicher, dass die hundertzwanzig Soldaten der französischen Besatzungstruppen in Lazaretten – wahrscheinlich an der Ruhr – verstorben sind.

Ihre Gebeine wurden auf dem Erfurter Hauptfriedhof in einer feierlichen Zeremonie mit militärischen Ehren bestattet. Der Militärattaché der französischen Botschaft in Berlin, Brigadegeneral Gilles Mantel, dankte der Stadt Erfurt in einer Ansprache für diese Beisetzung und würdigte sie als eine Geste der Aussöhnung zwischen dem deutschen und dem französischen Volk.



Requiescant in pace

Ganz nah bei Erfurts Domberg man sie fand,
die Toten, längst verwest und längst vergessen.
In einem Keller: Männer, unbekannt.
Zu tadeln dafür jemand, wär’ vermessen.
Man ließ sie hier zurück, man musste flieh’n.
Es blieb nicht mehr die Zeit, sie zu bestatten.
In einen Krieg sie einstmals mussten zieh’n.
Sie endeten zu früh im Reich der Schatten.

Sie waren jung. Vor ihnen lag das Leben.
In ihrer Heimat Frankreich hofften sie,
es würde ihnen Glück und Frieden geben.
Doch Glück und Frieden gab es für sie nie.
Sie mussten folgen ihrem mächt’gen Kaiser,
weit fort, in manches ferne, fremde Land,
wo sie zunächst sich wanden Siegesreiser.
Den Tod zu dieser Zeit noch keiner fand.

Voran man ihnen trug die Trikolore,
die Farben Blau-Weiß-Rot, wie ein Fanal.
Sie sangen wohl manch Kampfeslied im Chore;
laut hallte es dann über Berg und Tal.
So sehr Europas Völker sich auch wehrten –
Napoleons Armee sie doch bezwang.
Auch wenn sie immer wieder aufbegehrten –
die Fremdherrschaft, sie dauerte so lang!

Erst als der große Korse gar versuchte,
auch Russland aufzuzwingen seine Macht,
so mancher seiner Kämpfer ihn verfluchte,
weil das die Katastrophe ihm gebracht.
Der sieggewohnte Feldherr war geschlagen!
Die unterdrückten Völker horchten auf.
Den Freiheitskampf sie endlich konnten wagen;
Freiwillige jetzt fanden sich zuhauf.

Der Ruf zum Kampf für Freiheit ging an jeden,
der seinem Volk zu dienen war bereit.
Die Österreicher, Preußen, Russen, Schweden –
sie einten sich in dieser schweren Zeit.
Bei Leipzig führten die Verbündeten
die blutige Entscheidungsschlacht herbei.
Die Heere ihren Sieg verkündeten.
Auch das besetzte Erfurt wurde frei.

Wie aber starben damals die Soldaten,
von denen unlängst man Gebeine fand?
Warum erreichten sie, trotz Ruhmestaten,
nicht mehr das so ersehnte Heimatland?
Sie fielen nicht in im heldenhaften Kampfe,
denn Krankheit hatte sie dahingerafft.
Nein, nicht in Schlachtgewühl und Pulverdampfe
verließ sie ihre allerletzte Kraft.

Doch nun, nach hunderteinundneunzig Jahren,
in Deutschland man sie trug zur ew’gen Ruh’.
Und weil man weiß, dass sie Soldaten waren,
kam ihnen eine späte Ehre zu:
Ein General aus Frankreich war zugegen,
als feierlich man sie ins Grab gesenkt.
Zwei Völker heute keinen Hass mehr hegen;
Versöhnung längst ist ihnen ja geschenkt.

Über den Autor:


Rudolf K. Scholz wurde 1936 in Erfurt als Sohn eines Handwerksmeisters geboren und legte hier 1955 auch die Reifeprüfung ab. Für das von ihm angestrebte Germanistik-Studium in Leipzig erhielt er keine Zulassung. Er begann ein Lehrer-Studium im Fach Slawistik und wechselte 1957 zum Diplom-Studiengang Psychologie. Von 1961 bis 1964 war er wissenschaftlicher Assistent am Institut für Psychologie und Lehrbeauftragter an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig. Aus politischen Gründen wurde er 1964 zum vorzeitigen Abbruch der wissenschaftlichen Assistenz gezwungen, so dass er seine Dissertation nicht fertig stellen konnte. Nach einer an der Medizinischen Poliklinik der Universität Jena bei Professor Klumbies absolvierten Psychotherapie-Ausbildung arbeitete er als klinischer Psychologe zunächst in Blankenhain-Egendorf (Thüringen) und danach in Erfurt. Seine Tätigkeit an der damaligen Poliklinik Mitte in Erfurt musste er 1976 ebenfalls aus politischen Gründen beenden.

Erst nach jahrelangen gerichtlichen Auseinander-setzungen konnte er 1980 seine Wiedereinstellung im kommunalen Gesundheitswesen der Stadt Erfurt erreichen, allerdings mit einer nunmehr fachfremden Arbeitsaufgabe. Einen vertieften Einblick in die sozialen Probleme des Alkoholismus erhielt der Autor durch seine Mitarbeit an einem Forschungsauftrag am Agricola-Krankenhaus Saalfeld (Saale) in den Jahren von 1982 bis 1984. Seine letzte Festanstellung – als stellvertretender Leiter des Kreisrehabilitationszentrums Apolda – verlor er durch die Auflösung des ambulanten Bereichs der Gesundheitseinrichtungen des Kreises Apolda zum 31.12.1990. Er übernahm dann zunächst eine Zeitlang die psychologische Betreuung der Senioren- und Pflegeheime des DRK-Kreisverbandes Apolda. Ab 1993 bis zum Eintritt in den Ruhestand war er auf Honorar-Basis als Referent in der Erwachsenenbildung tätig.
1998 erhielt er von der thüringischen und 2002 auch von der sächsischen Rehabilitierungsbehörde die Anerkennung als Opfer politischer Verfolgung gemäß dem 2. SED-Unrechtsbereinigungsgesetz.