____________ Andreas Bacher ____________

Beitrag entnommen aus
»30 Jahre R.G.Fischer Verlag«
Jubiläumsausgabe 2007
R.G.Fischer Verlag
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Chaos
(eine ironische Groteske)
Oberarzt Hiller betrat das Krankenzimmer Nummer 99. Majestätisch, wie es seiner Art entsprach, blieb er vor Frau Kirsch, die soeben Mutter geworden war, stehen. Sie war in Emotionen gebadet und konnte ihr Glück kaum fassen. Das Neugeborene schrie – aus Ärger oder Spass, wer weiss. Frau Kirsch hörte nicht hin. Wie erstarrt blickte sie zur Decke. Es lag eine merkwürdig melancholische Besinnlichkeit in ihren Augen und sie schien tief gerührt vom Schicksal. Zum ersten Mal war sie Mutter geworden. Das erfüllte sie mit Stolz, was sich auch in ihrem Ausdruck widerspiegelte, auch wenn der Schweiss noch immer in Strömen ihr molliges Gesicht hinunterlief.
Als Frau Kirsch ihren Arzt erblickte, wurde ihre Besinnlichkeit noch intensiver, und in den Fluss von Schweiss mischten sich Tränen der Rührung.
Oberarzt Hiller, wenig erfahren im Umgang mit eigenen Emotionen, spürte unerwartet innerliche Regungen der Anteilnahme. Doch irgendwie konnte er es nicht ertragen, dass eine Frau vor ihm weinte. Das war eine Herausforderung, der er nicht gewachsen war. Und dann sagte er etwas, was er noch nie einer Frau gesagt hatte: »Schön, dass Sie sich so freuen können.«
Dabei verzog er sein Gesicht zur Grimasse. Es fiel ihm nicht leicht; ja, es war geradezu harte Arbeit, so was Gefühlvoll-Menschliches auszusprechen.
Das Baby neben der Mutter war verstummt. Das lang anhaltende Krähen hatte es ermüdet. Nun schlief es. Schwester Elisabeth nahm es behutsam in den Arm und lief davon. So dauerte der süsse Schlummer der Kleinen nur kurze Zeit. Als es erwachte, war die Katastrophe bereits eingetreten. Es hatte die Mutter bereits aus den Augen verloren und lag in den Händen einer fremden Person. Sein Krähen und Schreien wurde noch heftiger. Kaum war es auf der Welt, wurde es schon entführt. Und das am ersten Tag. Da nützten auch die sanften Beschwichtigungen und Zuneigungsgesten wenig. Die fremde Tante, in deren Armen es nun lag, sah so ganz anders aus als die Mutter. Sie war viel grösser und dünner. Und eigentlich war sie ja auch ganz nett. Denn obwohl es schrie, blieb die Tante ruhig. Dann legte sie es ins neue Bettchen im Säuglingszimmer, einem grossen Saal, neben andere Schreihälse. Und so schrie auch es vergnügt weiter, bis es genug hatte von diesem ewigen Lärm und ins Land der Träume fiel.
Es war höchste Zeit, denn der Zeiger der grossen Uhr im Saal hatte 22 Uhr schon überschritten. Um diese nächtliche Stunde hatten Babys zu schlafen. Im Saal wurde es ruhiger, weil auch die grössten Schreihälse nicht mehr weiter auffallen wollten. Das Konzert verstummte; die Lichter gingen aus und Frieden kehrte ein. Draussen aber legte ein Sturm los, welcher bei den Patienten leichtes Unwohlsein auslöste. Das Gebäude war gut gebaut und neu. Als es aber im Zimmer 99 plötzlich leicht hineinregnete, waren Zweifel über die Qualität des Bauwerkes angebracht. Frau Kirsch lag im Bett und schwitzte noch immer. Als es nass und nässer wurde auf ihrer Bettdecke, blieb sie »cool«, was eigentlich nicht ihrem Wesen entsprach. Sie stand auf, ging zur Tür und blickte um die Ecke. Es war ruhig im Korridor. Kein Mensch weit und breit. Sie rief in den Gang hinaus, doch keiner hörte sie. Dann kehrte sie in ihr Zimmer zurück. Noch immer tropfte es von der Decke. Langsam versuchte sie, auf einen Stuhl zu steigen. Doch die Kräfte verliessen Frau Kirsch. Und dann überkam die stolze Mutter einer Tochter das grosse Elend. Sie heulte los wie ein Schlosshund. Vor der Tür stand Schwester Elisabeth mit Regenschirm. »Es tropft überall hinein«, meinte sie und hustete danach. »Sind Sie auch erkältet?«, fragte die Schwester die Patientin von Nummer 99.
»Nein, nein«, erwiderte diese leicht ärgerlich. »Es ist nur so schrecklich nass hier überall. Ich bin müde und kann mich nicht mehr ins Bett legen. Können Sie nicht die Decke flicken?«
Schwester Elisabeth spannte ihren Schirm auf und näherte sich dann mit kleinen Schritten dem Corpus delicti an der Zimmerdecke. Neugierig betrachtete sie dieses unerfindliche, unbegreifliche Phänomen der nässenden Decke. Sie fror und hustete erneut und auch draussen im Korridor hörte sie hustende und schnupfende Menschen vorbeieilen. Die Grippe hatte Ärzte, Pflegepersonal, Verwaltungsangestellte und Patienten erfasst. Vereinzelt stapften die Menschen in kleine Pfützen, die von fleissigen Frauen mit Putzlappen aufgesaugt und entfernt wurden.
Oberarzt Hiller erschien erneut bei Frau Kirsch, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Sie stand noch immer vor ihrem Bett und schluchzte ob des Glücks der glücklichen Geburt und ob des Pechs ihrer nassen Liegestätte. Dann hörte es auf zu tropfen. Mit gequält wohlwollendem Blick musterte er die nasse Decke und ordnete sofortigen Neubezug des Bettes an. Artig kamen nun zwei Schwestern – beide mit Schirm – ins Zimmer getreten und führten den Auftrag ihres Chefs aus.
Oberarzt Hiller beobachtete die Arbeit der Schwestern und meinte dann: »Kontrollieren Sie auch gleich noch, ob es im OP ebenfalls hineinregnet.«
Dann verliess er den Raum mit den Worten: »Frau Kirsch, Ihr Mann hat sich angemeldet; er wird bald bei Ihnen sein.«
Herr Kirsch verliess sein Haus im Gewittersturm. Sein Auto sprang nicht gleich an. Doch diesmal fluchte er nicht wie sonst. Herr Kirsch hatte sich verändert, seit er vor genau siebzig Minuten Vater geworden war. Den Anruf vom Spital hatte er erwartet. Er war gut vorbereitet darauf. Vater einer Tochter sei er geworden. Herr Kirsch unterdrückte männlich-tapfer seine Freude und fuhr los. Wenigstens versuchte er es. Mit Regenschirm und Blumen war er ins Auto geschlüpft. Er sah nicht viel im Sturm. Er fuhr nach Gefühl. Zuweilen hielt er an und schaute auf die Stadtkarte. Hie und da verschwand ein Auto in einem Graben. Aussteigen und helfen war mit gewissen Schwierigkeiten verbunden. Bis jetzt stimmte die Richtung. Und dann sah er es. Das Spital lag hell erleuchtet und majestätisch am Horizont. Die Richtung war einfach. Geradeaus und dann den Hügel hinauf. Drei Kilometer noch. Der Wagen stotterte und hopste vorwärts. Der Wind blies alles weg, was er konnte. Hüte strandender Autofahrer, Regenschirme leicht verzweifelter Polizisten beim Bergen von Verunfallten und einfach alles, was nicht niet- und nagelfest verankert war. Herr Kirsch kam gut voran, wenn man die Umstände in Betracht zog. Das Auto schlitterte zwar ein wenig, doch das Ziel war angepeilt; das hell erleuchtete Gebäude am Horizont, der Zielpunkt, bis das Licht auf einmal ausfiel. Nun war es dunkel und das Ziel nicht mehr in Sicht. Leicht verwirrt blickte er um sich. Weit herum war das Licht in den Häusern verschwunden. Das einzige Licht, das noch brannte, war das der Scheinwerfer seines Wagens. Nach ein paar Metern Weiterfahrt war aber auch das Scheinwerferlicht ausgelöscht. Er war unbemerkt direkt in einen grossen Steinbrocken, der auf der Strasse lag, gefahren und die Vorderlichter zersplitterten. Ein wirklich ärgerliches Missgeschick. Auf den Strassen hupten nun die Autos. Herr Kirsch hupte auch, irgendwie reflexartig. Überall liefen nun plötzlich Menschen mit brennenden Kerzen umher. Herr Kirsch hatte keine Kerze. Er hatte alles für den Notfall: Pannenrad, Benzinkanister und sogar Notproviant. Nur an die Kerze hatte er nicht gedacht. Herr Kirsch hielt am Strassenrand seinen Wagen an. Als er links aus dem Fenster schaute, stand eine Frau mit Schirm direkt an seinem Wagen und klopfte an die Scheibe. Herr Kirsch kurbelte einen Spaltbreit das Fenster hinunter.
»Solidaritätskampagne Gewittersturm«, meldete sich die Frau höflich. »Wollen Sie eine Kerze?«, brüllte die Frau durch den Regen. Dabei fuchtelte sie mit ihrer Kerze, dass es Herrn Kirsch angst und bange wurde. Kopfschüttelnd verneinte er. Dann stieg er aus und folgte dem Licht und der Frau zu ihrem Wagen. Ohne Kerze war für ihn die Reise zu Ende.
Als er ankam, lag das Spital noch immer im Dunkeln. Wo lag wohl sein Kind, ging es ihm durch den Kopf. Irgendwo musste doch seine Tochter liegen; auch ohne Licht. Oder hatte man sie wohl etwa weggebracht? Die Eingangstüre öffnete sich automatisch. Eine Schwester eilte ihm mit einer brennenden Kerze entgegen.
»Nehmen Sie sie«, rief sie ihm zu.
Etwas verstört und leicht verlegen erfasste er die Kerze und schaute ungläubig um sich. Es herrschte fast völlige Finsternis. Nur von aussen drang etwas Licht durch die Fenster. Die Schwester, die hilflos nun ohne Kerze dastand, schaute leicht eifersüchtig auf den wertvollen Besitz des Herrn Kirsch. Sie handelte ganz aus Barmherzigkeit und hatte dabei automatisch das Instrument zur Orientierung verloren. Aber Herr Kirsch war schliesslich kein Unmensch.
»Kommen Sie, Schwester, gehen wir auf die Suche nach meiner Frau.«
Ergeben nickte Schwester Elisabeth. Langsam schritten sie nun vorwärts, vorbei an Pflegepersonal und Ärzten, auf der Suche nach Orientierung. Trotz der Dunkelheit war es nie ganz ruhig im Gebäude. Sympathisches Niesen und Husten und nur zuweilen ein leicht ärgerlicher Fluch vermittelten dem erstaunten Besucher einen Hauch von ungebrochener Geschäftigkeit. Es war nun egal und nicht mehr peinlich, wenn man die Orientierung verlor. Das war nun normal und ein neuer organisatorisch-administrativer Aufbau begann. Wer eine Wasserlache auf dem Fussboden entdeckte meldete dies unverzüglich der Gewittersturm-Krisenstelle, wobei das Problem darin lag, dass sie keinen festen Standort aufwies. Fand man sie trotzdem, dann huschten eilige Pfleger zu den Pfützen und entfernten sie diskret und schnell. Auch Herr Kirsch und Schwester Elisabeth meldeten sich bei der Krisenstelle mit der Anfrage, wo denn Frau Kirsch zu finden sei. Die Antwort hiess: »Keine Ahnung.« Damit hatten die beiden ja rechnen müssen bei so viel Dunkelheit und leichten organisatorischen Problemen. Die Suche ging also weiter und Schwester Elisabeth übernahm nun die Aufgabe des Kerzenträgers. Es war 23 Uhr geworden und um diese Zeit war eigentlich jeder auf der Suche nach irgendjemandem. Väter suchten ihre neugeborenen Babys genauso wie die Mütter; Ärzte suchten ihre Schwestern und Schwestern ihre Patienten. Herr Kirsch suchte Frau Kirsch und Oberarzt Hiller Schwester Elisabeth. Draussen stürmte
es unvermindert weiter, während in der geschützten Spitalhalle, bei der Kundenempfangsstelle, die Gäste nach ihren Bekannten fragten. Niemand wusste was. Und wenn man doch irgendeine Auskunft erhielt, dann handelte
es sich um die Angabe der Zimmernummer des Patienten vor dem Stromausfall. Denn auch die Patienten wanderten umher. Manch einer suchte das Zimmer des Nachbarn auf, damit man sich nicht mehr so verloren fühlte. Man diskutierte über Gott und die Welt, den Lichtausfall und über das Leben in der Dunkelheit. Was aber Frau Kirsch anbetraf, so blieb sie in ihrem Zimmer und wartete sehnsüchtig auf ihren Mann. Sie wagte nicht, ihm entgegenzueilen, denn die Chance, ihr Zimmer nachher nicht mehr wiederzufinden, war einfach zu gross. Das Bett
war nun wieder frisch und ohne Nässe. Sie dachte an ihr Kind. Sie schwitzte nicht mehr und war auch nicht erkältet wie die andern. Die hartnäckige Grippe war an ihr vorbeigeschwappt. An die Dunkelheit hatte sie sich mittlerweile gewöhnt und die Freude war gross, als ihr Mann plötzlich ins Zimmer trat. Er war völlig ausser Atem und lechzte nach Luft wie ein englischer Windhund nach einem Rennen. Bei der Suche nach seiner Frau hatte er das Spital gründlich kennengelernt. Zuerst war er im OP gelandet, dann in verschiedenen Toiletten, in Abstellräumen, Kantinen und sogar in einer spitalinternen Wäscherei. Schwester Elisabeth kannte die Räumlichkeiten des Spitals genau; allerdings nur bei Licht. Und dann war noch diese lästige Erkältung. Einmal fiel ihr die Kerze aus der Hand. Herr Kirsch, der an so viel Dunkelheit nicht gewöhnt war, hielt die Schwester so fest an der Hand und zitterte dabei so entsetzlich, dass es auch ihr leicht ungemütlich wurde. Zuweilen klammerten sich beide so aneinander, dass sie keinen Schritt mehr weiterkamen. Und wenn ein wichtiger Raum gefunden worden war, dann teilte man dies dem nächsten »Passanten« mit, mit der Aufforderung, die Mitteilung weiterzugeben.
Es schlug gerade Mitternacht, als Herr und Frau Kirsch sich umarmten. Schwester Elisabeth hielt die Kerze, damit sich die beiden besser sehen konnten. Dann nahm er die Kerze aus der Hand der Schwester und leuchtete im Zimmer umher, auf der Suche nach dem Baby. Das Zimmer wurde heller und heller, weil auch noch Oberarzt Hiller mit Kerze und Begleitung, ebenfalls mit Kerze, eingetreten waren. Es war nun so hell, dass auch der Patient von rechts und die Patientin von links – wie magisch vom Licht angezogen – hineinströmten.
Frau Möller von nebenan trug ein Baby im Arm und Herr Kirsch seufzte erleichtert auf. »Ah, mein Kind«, rief er aus und stürzte sich auf die Frau. Daraufhin flüchtete Frau Möller zurück in ihr Zimmer. Frau Kirsch erklärte Herrn Kirsch, dass dies nicht ihr Baby gewesen sei, was Herr Kirsch nicht begreifen konnte. Dann setzte er sich auf einen Stuhl und dachte nach. Hinter ihm stand Oberarzt Hiller und ein Fremder. Niemand wusste, woher er gekommen war. Dann stellte er sich vor: »Möller ist mein Name, Herr Möller.«
Herr Kirsch hatte nun endgültig genug von allem. Vom Spital, von der Dunkelheit, vom Kerzenlicht, das ihn dauernd umschwirrte. Vom Baby, das nicht zu ihm gehörte, und von dem Chaos, das ihm als seriösem Schweizer so unvorstellbar unwirklich erschien. Er war nun völlig erschöpft und rang nach Luft. Seine Frau blickte zu ihm auf und er fand es irgendwie deprimierend, dass seine Gattin, soeben Mutter geworden, so allein ohne Baby dalag und er als Vater, ohne Tochter, etwas hilflos im Zimmer herumstand. Doch Herr Kirsch war eigentlich ein optimistischer Mensch und so plante er bereits die nächsten Schritte, um auf der Suche nach seinem Kind fündig zu werden.
Der Flur war leer, als Schwester Elisabeth und Herr Kirsch Zimmer 99 verliessen. Allmählich kannten sie die Räume des Spitals. Sie mussten nun nur noch einen Saal finden, den sie bisher übersehen hatten. Und so geschah es auch. Es war Herr Kirsch, der zuerst eintrat. Und dann passierte etwas, mit dem er nicht mehr gerechnet hatte. Er glitt auf einer Wasserpfütze aus und landete auf seinem Allerwertesten. Neben ihm lag ein Schildchen mit der Aufschrift »Baby Kirsch«. Auch Schwester Elisabeth sah das Schild, als sie mit der Kerze auf Herrn Kirsch am Boden leuchtete. Vorsichtig kniete sich die Schwester auf den Fussboden. Dann umarmten sich beide, ohne ein Wort zu sprechen.

